Johann Sebastian Bach

Johannespassion

Mitschnitt des Konzertes vom 30.03.2003, Marktkirche Wiesbaden

Christof Prégardien
Klaus Mertens

Matthias Rexroth

Gotthold Schwarz

Siri Jatherine Thornhill

Schiersteiner Kantorei
Barockorchester LA CORONA


Leitung: Martin Lutz

Pressestimmen:

Rezension in der FRANKFURTER RUNDSCHAU:

Gedeutete Existenz

Bachs Johannes Passion mit der Schiersteiner Kantorei in Wiesbaden
Von Tim Gorbauch

 

Die Dimension, die die Musik gleich zu Anfang gewinnt, ist nicht mehr allein kirchlich-liturgisch zu erklären. Die Instrumentalfarben türmen sich, der Chorsatz führt die Musik weit über den Text hinaus , der lose an dem Psalm 8.2 angelehnt ist: „Herr, unser Herrscher, der Eingangschor der Johannespassion, ist selbst ein Stück Weltanschauung, ein Akt menschlicher Existenzdeutung mit dem Medium der Musik. Die begreif Jann Sebastian Bach mit Luther zwar immernoch als ein Geschenk Gottes, ohne aber eben daraus abzuleiten, sie in den Dienst des Wortes stellen zu müssen. Die Musik steht vielmehr für sich, sie ist frei, sprachgewaltig. Sie trägt monumentale Züge und nimmt gefangen. Zugleich ist sie ohne das reliigiöse Fundament weder denkbar, noch zu verstehen und es wäre müßig, das eine gegen das andere auszuspielen.

Martin Lutz, der Leiter der Schiersteiner Kantorei und längst eine der wichtigsten Figuren im Wiesbadener Konzertleben hält den Spagat aus. Er kann die Musik verdichten die Kraft des großen Chors massieren und damit den ganzen hohen Innenraum der Wiesbadener Marktkirche füllen. Er kann das, ohne sich ins sinfonische eines bürgerlichen Ideenkunstwerks zu verlieren. Er kann auch die Choräle, die die große kirchliche Tradition bezeugen, mithin aufrauen, und wenn schon nicht dramatisch, so doch wenigstens existenziell begreifbar machen, ohne dabei ihre Schlichtheit, ihre ruhende Gewißheit in Gott zu gefährden. Wie ohnehin die Schiersteiner Kantorei fulminanter Träger der Bachschen Musik ist, mächtig und imposant auf der einen, trotz seiner Größe zu überraschend schlanker und durchsichtiger Diktion fähig, auf der anderen Seite.

Auch die hochkarätigen Solisten suchen das menschliche Blut, und verweigern den aseptischen unangreifbaren, entrückten Vortrag.  Christoph Prégardian bleibt dabei als Evangelist hinter seinen Möglichkeiten zurück, muß schließlich in seiner ersten Arie („Ach mein Sinn“) mit dem schnellen Tempo kämpfen, gewinnt aber dann an Souveränität, Autorität und Tiefe. Die ist auch den von Klaus Mertens vorgetragenen Christus-Worten eigen. Während Siri Karolin Thornhills junger Sopran der Musik mit freudigen leichten Schritten folgt und Matthias Rexroth unterstreicht, weshalb er als einer besten jungen Countertenöre überhaupt gehandelt wird. Über allen aber thront Gotthold Schwarz, dessen warmer, enorm ausdrucksstarker Bass zum Symbol dessen werden könnte, wie Lutz seine Johannespassion verstanden haben will , als ein atmender, empfindender, dabei klar geordneter religiös abgesicherter Organismus.

Das klein besetzte auf historischen Instrumenten agierende Barockorchester La Corona bewegt sich auf hohem Niveau, lebendig artikulierend und rhythmisch präzise […]

 

Und Lutz führt die Musik am Ende nochmal über die Trauer der Leidensgeschichte hinaus, wendet sie gen Ostern zur Auferstehung hin. „Ich will dich preisen ewiglich“. Diese letzten Worte jedenfalls erfahren eine dynamische und klangliche Zuspitzung, die man existentiell nennen könnte.

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